Sonntag, 4. Mai 2014

Brief aus Wien (14) Der perfekte 1. Mai

Stets geachtete Obertanen!
Der 1. Mai in Wien gibt mir Gelegenheit, zuverlässig an den Beginn des 20. Jahrhunderts zu wechseln: ich sehe mir den Mai-Aufmarsch der SPÖ an!
Vor dem Rathaus ist eine Bühne gigantischer Ausmaße aufgebaut, auf welcher die Honoratioren der Sozialdemokratie mit roten Tüchern winkend und aus allen Poren in der Frühlingssonne schwitzend den Vorbeimarsch der Basis abnehmen. Immer wieder groß auf der Videoleinwand: der Parteivorsitzende und Bundeskanzler Faymann und der sozialdemokratische Bürgermeister Wiens, Michael Häupl. Tradition und Gegenwart der Sozialdemokratie: Die drei Pfeile des antifaschistischen Schutzbunds prangen auf einem großen Hochglanztransparent an der Bühne. Ein anderes liest sich: „Wien lieben! Wien leben!“
Eine Blaskapelle zieht vorbei. Sie spielt: „Die Arbeiter von Wien“. Der Moderator verkündigt den Vorbeizug der SPÖ-Sektion aus Ottakring: „angeführt von den Mandataren und Mandatarinnen“. Es folgen die Kurden. Der Moderator spricht über deren lange Unterdrückung, als die Fahnen mit dem Konterfei von Apo Öcallan vorbeiflattern. Danach rennt eine Arbeitsloseninitiative an der Bühne vorbei. Daraufhin eine Blaskapelle, sie spielt: „Die Arbeiter von Wien“.
Die Abordnung der SPÖ aus dem Bezirk Penzing wird angeleitet von ihrem „traditionellen roten Bummelzug“ und die Roten Falken aus Penzing „haben eine Vision. Von Penzing aus die Welt zu einem friedlicheren und gerechteren Ort zu machen.“
Visionen hat es auch in Wien Margareten: „Europa bewegt Margareten – Margareten bewegt Europa“ erläutert der Moderator. Die SPD Simmering hat einen neuen Sportplatz durchgesetzt. Ein vorbeimarschierender Kinder- und Jugendchor singt: „Die Arbeiter von Wien“
Auf Transparenten: schlimme, schlimme Wortspiele! „NEUropa schaffen!“ oder „Privatisierungen sind dumn – bumm!“ Der Moderator spricht von „70 Jahren Frieden“, die wir in Europa erleben haben dürfen. Mei, Serbien wird halt gerne verdrängt in Österreich...
Auf den Stufen des Burgtheaters halten Männer ein Transparent hoch: „Väter haben Rechte“ steht darauf. Ein Grüppchen sozialdemokratischer Frauen steht davor und ruft ausdauernd: „Haut ab! Haut ab! Haut ab!“ Am Bücherstand einer trotzkistischen Weltpartei erwerbe ich Karl Marx: Der Bürgerkrieg in Frankreich. Habe ich natürlich Zuhause in den gesammelten Werken, aber für Leute mit kaputten Rücken sind die blauen Bände kaum transportabel.
Auf einem offenen Lastwagen fährt eine Band im Aufmarsch mit. Als sie sich der großen Bühne nähert, beginnt sie das Kampflied: „Der heimliche Aufmarsch“: „Es geht durch die Welt ein Geflüster / Arbeiter hörst Du es nicht / Das sind die Stimmen der Kriegsminister / Arbeiter, hörst Du sie nicht? / Es flüstern die Kohle- und Stahlproduzenten / Es flüstert die chemische Kriegsproduktion / Es flüstert von allen Kontinenten: / Mobilmachung gegen die ...“
Der Moderator auf der Bühne kennt scheint's immerhin den Text, denn bevor das Wort „Sowjetunion“ gesungen wird, geht er mit einer sehr freundlichen, belanglosen Ansage resolut dazwischen.
Eine Bewegung mit solchen Blaskapellen muss siegen!“ sage ich feierlich, als ich in die Lenaugasse heimkehre. Sir Roland erklärt, die Blaskapelle der Brigittenauer Straßenbahner sei die vorzüglichste aller Blaskapellen und musikalisch gesehen sowieso die einzigen, die was könnten.
Ich sinniere. Natürlich ist nichts naheliegender, als über diesen Maiaufmarsch zu spotten. Selbst der Berliner CSD wirkt politisch bedrohlich im Vergleich. Mir persönlich haben vor der Empore der Parteigrößen vorbeifahrende Artilleriegeschütze und Kavallerieeinheiten gefehlt. Nur sage ich mir dann auch: was, wenn es alle diese Organisationen und ihre engagierten, harmlosen Menschen nicht mehr geben würde? Die Roten Falken aus Penzing, die Europa bewegenden Margaretener, die Arbeitsloseninitiative und die Kurden und die Blaskapellen? Die Welt wäre definitiv kein besserer Ort. Und so wollen wir versöhnlich bleiben.
Ich bin dennoch froh, anschließend mit König Artur aufs Fahrrad zu steigen. Auf der Donauinsel soll es eine Goaparty geben.
Die Donauinsel ist ein städtebaulicher Geniestreich! Die Wiener haben das Problem ewig versumpften Geländes einfach gelöst, indem sie eine fünf Kilometer lange Insel mitten in den Fluss und in zentraler Innenstadtlage gebaut haben.
Die Donauinsel hat Wien endgültig zur lebenswertesten Stadt der Welt gemacht und die Goaparty ist genau, was ich jetzt brauche. In Deutschland werde ich von einigen Leuten gerade zum „Querfrontler“ umdefiniert. Ich würde darüber sehr lachen, wenn ich es lustig fände.
Ich vermute, dass man das Phänomen der Montagsmahnwachen wahrscheinlich auch nicht verstehen kann, wenn man von der elektronischen Subkultur der letzten 20 Jahren nichts mitbekommen hat. Sind diese Leute hier auf der Goaparty links? Sind sie rechts? Sind sie: „Verschwörungstheoretiker“?
Vermutlich glauben hier 3,6% mehr als im Bevölkerungsdurchschnitt, dass die Pyramiden von Außerirdischen gebaut wurden. Sicher, das liegt auch am LSD, aber es ist wohl keine orignär „rechte“ Meinung, an irdische Bauprojekte Außerirdischer zu glauben.
Entscheidender scheint mir eine Art des Feierns und des Miteinanders zu sein, die sich in dieser Szene entwickelt und gehalten hat. Ein sehr liebevoller Umgang miteinander; ein selbstverständlicher Grundkonsens, dass hier jeder und jede sein darf, was es möchte; diese federleichte Schwingung, die zwischen den Schlägen des Bassbeats unsere Körper durchzittert; das Leuchten in den Augen; die Leichtigkeit der Kommunikation mit „fremden“ Menschen, die alles sind, nur nicht fremd, weil sie lächeln. Und dazu eine Schönheit der Körper, die vom Tanzen kommt und vom Yoga, von langen Reisen mit dem Rucksack - und von der vegetarischen Ernährung, die hier viele, wenn auch sicherlich nicht alle, bevorzugen.
Ich sitze an der Reling eines Hausboots und schaue auf die Donau als ich dieses alles denke. Jedoch stört etwas meine seelenvolle Ruhe, dringt lärmend vor in meine Aufmerksamkeit. Ich wende mich herum und da ist ein Tisch voller Jungs. Alle trinken Dosenbier. Alle haben schwarze Sonnenbrillen auf. Einer hat ein Tattoo mit einem eisernen Kreuz. Die einzige Frau am Tisch ist es, die mich aufgestöbert hat in meiner gedankenvollen Stille: sie redet laut und zeternd und scheint sich selbst dabei witzig und selbstbewusst zu finden, während sie weder das eine noch das andere ist.
Wer ist hier links? Wer ist hier rechts?“ frage ich mich erneut. Sind das da verkappte Nazis? Traue ich ihnen zu, Menschen zu verprügeln, zu töten oder in Viehwagons zu verfrachten? Ehrlich gesagt: ich traue so etwas keinem Menschen zu, würde aber auch bei niemandem ausschließen, dass Entwicklungen dazu führen könnten, ihn oder sie zu einer solchen Bestie zu machen – wie ich auch die Menschwerdung faschistischer Bestien nicht ausschließen würde, denn: Menschen verändern sich und wer will vorhersagen, wohin?
Eventuell kann man es positiv beeinflussen, wenn schon nicht vorhersagen. Dieser Tisch aber macht mir Sorgen. Wie eine Wagenburg sitzen diese groben Typen um den Biertisch, bilden eine klare, harte Einheit inmitten eines Festes, das solcherlei Begrenzungen an sich zuverlässig auflösen sollte.
Dann aber geschieht etwas Interessantes: einer dieser Typen rollt einen Joint. Gleichzeitig holt mich Artur aus der Düsternis meiner Gedanken zurück und schlägt vor, uns auf die Liegewiese zu begeben. Ich trinke noch aus, am Nebentisch geht der Joint herum. Und mit einem Male entspannt sich die Lage. Die hysterisch zeternde Dame am Nebentisch setzt sich gemütlicher hin, einer nimmt sie in den Arm und sie hört auf zu zetern. Ein junger Typ, sympathischer Elektrohippie mit Rastas und sehr dunkler Haut, tritt an den Tisch und ist offensichtlich ein Freund von dem Typen mit dem Eisernkreuz-Tattoo – Menschenskinder, ist die Welt kompliziert! Also, die Welt selber vielleicht nicht, aber die genaue Einteilung von Menschenwesen in klare Kategorien ist echt mühselig in letzter Zeit...
Ich tanze ein wenig. Ich hänge die Füße in die Donau. Ich tanze nochmal. Ich lungere auf der Liegewiese in der Sonne herum. Es geht mir besser. Es gut mir gut, sogar.
Später fahren wir auf fantastischen Fahrradstrassen zurück zu Arturs Wohnung. Dort kocht er mir Reis mit dem geliebten chinesischen Wasserspinat. Wir sehen uns „Wiener Brut“ an, einen hinreissenden Film von und über die Schwulenszene Wiens in den 80er Jahren. Artur spielt die Hauptrolle und sieht einfach sensationell aus; häßlich ist er ja bis heute nicht.
Später gehen wir an den Prater. Erneut liegen wir im Gras und schauen uns das traditionell fantastischste Wiener Feuerwerk des Jahres an. „It is such a perfect day / I'm glad I spent it with you...“ singe ich vor mich hin. Artur, mein treuer Engel über Wien, hat mich aus den Tiefen meiner deutschen Misere gerettet: der perfekte 1. Mai!

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