Freitag, 9. Mai 2014

CD TsunamiSurfer jetzt im Handel!

Vielgeliebte Obertanen!
Die neue CD ist jetzt offiziell im Handel - und hier kommt eine erste, sehr schöne Rezension mit 17 von 20 Bewertungspunkten…

Sonntag, 4. Mai 2014

Brief aus Wien (14) Der perfekte 1. Mai

Stets geachtete Obertanen!
Der 1. Mai in Wien gibt mir Gelegenheit, zuverlässig an den Beginn des 20. Jahrhunderts zu wechseln: ich sehe mir den Mai-Aufmarsch der SPÖ an!
Vor dem Rathaus ist eine Bühne gigantischer Ausmaße aufgebaut, auf welcher die Honoratioren der Sozialdemokratie mit roten Tüchern winkend und aus allen Poren in der Frühlingssonne schwitzend den Vorbeimarsch der Basis abnehmen. Immer wieder groß auf der Videoleinwand: der Parteivorsitzende und Bundeskanzler Faymann und der sozialdemokratische Bürgermeister Wiens, Michael Häupl. Tradition und Gegenwart der Sozialdemokratie: Die drei Pfeile des antifaschistischen Schutzbunds prangen auf einem großen Hochglanztransparent an der Bühne. Ein anderes liest sich: „Wien lieben! Wien leben!“
Eine Blaskapelle zieht vorbei. Sie spielt: „Die Arbeiter von Wien“. Der Moderator verkündigt den Vorbeizug der SPÖ-Sektion aus Ottakring: „angeführt von den Mandataren und Mandatarinnen“. Es folgen die Kurden. Der Moderator spricht über deren lange Unterdrückung, als die Fahnen mit dem Konterfei von Apo Öcallan vorbeiflattern. Danach rennt eine Arbeitsloseninitiative an der Bühne vorbei. Daraufhin eine Blaskapelle, sie spielt: „Die Arbeiter von Wien“.
Die Abordnung der SPÖ aus dem Bezirk Penzing wird angeleitet von ihrem „traditionellen roten Bummelzug“ und die Roten Falken aus Penzing „haben eine Vision. Von Penzing aus die Welt zu einem friedlicheren und gerechteren Ort zu machen.“
Visionen hat es auch in Wien Margareten: „Europa bewegt Margareten – Margareten bewegt Europa“ erläutert der Moderator. Die SPD Simmering hat einen neuen Sportplatz durchgesetzt. Ein vorbeimarschierender Kinder- und Jugendchor singt: „Die Arbeiter von Wien“
Auf Transparenten: schlimme, schlimme Wortspiele! „NEUropa schaffen!“ oder „Privatisierungen sind dumn – bumm!“ Der Moderator spricht von „70 Jahren Frieden“, die wir in Europa erleben haben dürfen. Mei, Serbien wird halt gerne verdrängt in Österreich...
Auf den Stufen des Burgtheaters halten Männer ein Transparent hoch: „Väter haben Rechte“ steht darauf. Ein Grüppchen sozialdemokratischer Frauen steht davor und ruft ausdauernd: „Haut ab! Haut ab! Haut ab!“ Am Bücherstand einer trotzkistischen Weltpartei erwerbe ich Karl Marx: Der Bürgerkrieg in Frankreich. Habe ich natürlich Zuhause in den gesammelten Werken, aber für Leute mit kaputten Rücken sind die blauen Bände kaum transportabel.
Auf einem offenen Lastwagen fährt eine Band im Aufmarsch mit. Als sie sich der großen Bühne nähert, beginnt sie das Kampflied: „Der heimliche Aufmarsch“: „Es geht durch die Welt ein Geflüster / Arbeiter hörst Du es nicht / Das sind die Stimmen der Kriegsminister / Arbeiter, hörst Du sie nicht? / Es flüstern die Kohle- und Stahlproduzenten / Es flüstert die chemische Kriegsproduktion / Es flüstert von allen Kontinenten: / Mobilmachung gegen die ...“
Der Moderator auf der Bühne kennt scheint's immerhin den Text, denn bevor das Wort „Sowjetunion“ gesungen wird, geht er mit einer sehr freundlichen, belanglosen Ansage resolut dazwischen.
Eine Bewegung mit solchen Blaskapellen muss siegen!“ sage ich feierlich, als ich in die Lenaugasse heimkehre. Sir Roland erklärt, die Blaskapelle der Brigittenauer Straßenbahner sei die vorzüglichste aller Blaskapellen und musikalisch gesehen sowieso die einzigen, die was könnten.
Ich sinniere. Natürlich ist nichts naheliegender, als über diesen Maiaufmarsch zu spotten. Selbst der Berliner CSD wirkt politisch bedrohlich im Vergleich. Mir persönlich haben vor der Empore der Parteigrößen vorbeifahrende Artilleriegeschütze und Kavallerieeinheiten gefehlt. Nur sage ich mir dann auch: was, wenn es alle diese Organisationen und ihre engagierten, harmlosen Menschen nicht mehr geben würde? Die Roten Falken aus Penzing, die Europa bewegenden Margaretener, die Arbeitsloseninitiative und die Kurden und die Blaskapellen? Die Welt wäre definitiv kein besserer Ort. Und so wollen wir versöhnlich bleiben.
Ich bin dennoch froh, anschließend mit König Artur aufs Fahrrad zu steigen. Auf der Donauinsel soll es eine Goaparty geben.
Die Donauinsel ist ein städtebaulicher Geniestreich! Die Wiener haben das Problem ewig versumpften Geländes einfach gelöst, indem sie eine fünf Kilometer lange Insel mitten in den Fluss und in zentraler Innenstadtlage gebaut haben.
Die Donauinsel hat Wien endgültig zur lebenswertesten Stadt der Welt gemacht und die Goaparty ist genau, was ich jetzt brauche. In Deutschland werde ich von einigen Leuten gerade zum „Querfrontler“ umdefiniert. Ich würde darüber sehr lachen, wenn ich es lustig fände.
Ich vermute, dass man das Phänomen der Montagsmahnwachen wahrscheinlich auch nicht verstehen kann, wenn man von der elektronischen Subkultur der letzten 20 Jahren nichts mitbekommen hat. Sind diese Leute hier auf der Goaparty links? Sind sie rechts? Sind sie: „Verschwörungstheoretiker“?
Vermutlich glauben hier 3,6% mehr als im Bevölkerungsdurchschnitt, dass die Pyramiden von Außerirdischen gebaut wurden. Sicher, das liegt auch am LSD, aber es ist wohl keine orignär „rechte“ Meinung, an irdische Bauprojekte Außerirdischer zu glauben.
Entscheidender scheint mir eine Art des Feierns und des Miteinanders zu sein, die sich in dieser Szene entwickelt und gehalten hat. Ein sehr liebevoller Umgang miteinander; ein selbstverständlicher Grundkonsens, dass hier jeder und jede sein darf, was es möchte; diese federleichte Schwingung, die zwischen den Schlägen des Bassbeats unsere Körper durchzittert; das Leuchten in den Augen; die Leichtigkeit der Kommunikation mit „fremden“ Menschen, die alles sind, nur nicht fremd, weil sie lächeln. Und dazu eine Schönheit der Körper, die vom Tanzen kommt und vom Yoga, von langen Reisen mit dem Rucksack - und von der vegetarischen Ernährung, die hier viele, wenn auch sicherlich nicht alle, bevorzugen.
Ich sitze an der Reling eines Hausboots und schaue auf die Donau als ich dieses alles denke. Jedoch stört etwas meine seelenvolle Ruhe, dringt lärmend vor in meine Aufmerksamkeit. Ich wende mich herum und da ist ein Tisch voller Jungs. Alle trinken Dosenbier. Alle haben schwarze Sonnenbrillen auf. Einer hat ein Tattoo mit einem eisernen Kreuz. Die einzige Frau am Tisch ist es, die mich aufgestöbert hat in meiner gedankenvollen Stille: sie redet laut und zeternd und scheint sich selbst dabei witzig und selbstbewusst zu finden, während sie weder das eine noch das andere ist.
Wer ist hier links? Wer ist hier rechts?“ frage ich mich erneut. Sind das da verkappte Nazis? Traue ich ihnen zu, Menschen zu verprügeln, zu töten oder in Viehwagons zu verfrachten? Ehrlich gesagt: ich traue so etwas keinem Menschen zu, würde aber auch bei niemandem ausschließen, dass Entwicklungen dazu führen könnten, ihn oder sie zu einer solchen Bestie zu machen – wie ich auch die Menschwerdung faschistischer Bestien nicht ausschließen würde, denn: Menschen verändern sich und wer will vorhersagen, wohin?
Eventuell kann man es positiv beeinflussen, wenn schon nicht vorhersagen. Dieser Tisch aber macht mir Sorgen. Wie eine Wagenburg sitzen diese groben Typen um den Biertisch, bilden eine klare, harte Einheit inmitten eines Festes, das solcherlei Begrenzungen an sich zuverlässig auflösen sollte.
Dann aber geschieht etwas Interessantes: einer dieser Typen rollt einen Joint. Gleichzeitig holt mich Artur aus der Düsternis meiner Gedanken zurück und schlägt vor, uns auf die Liegewiese zu begeben. Ich trinke noch aus, am Nebentisch geht der Joint herum. Und mit einem Male entspannt sich die Lage. Die hysterisch zeternde Dame am Nebentisch setzt sich gemütlicher hin, einer nimmt sie in den Arm und sie hört auf zu zetern. Ein junger Typ, sympathischer Elektrohippie mit Rastas und sehr dunkler Haut, tritt an den Tisch und ist offensichtlich ein Freund von dem Typen mit dem Eisernkreuz-Tattoo – Menschenskinder, ist die Welt kompliziert! Also, die Welt selber vielleicht nicht, aber die genaue Einteilung von Menschenwesen in klare Kategorien ist echt mühselig in letzter Zeit...
Ich tanze ein wenig. Ich hänge die Füße in die Donau. Ich tanze nochmal. Ich lungere auf der Liegewiese in der Sonne herum. Es geht mir besser. Es gut mir gut, sogar.
Später fahren wir auf fantastischen Fahrradstrassen zurück zu Arturs Wohnung. Dort kocht er mir Reis mit dem geliebten chinesischen Wasserspinat. Wir sehen uns „Wiener Brut“ an, einen hinreissenden Film von und über die Schwulenszene Wiens in den 80er Jahren. Artur spielt die Hauptrolle und sieht einfach sensationell aus; häßlich ist er ja bis heute nicht.
Später gehen wir an den Prater. Erneut liegen wir im Gras und schauen uns das traditionell fantastischste Wiener Feuerwerk des Jahres an. „It is such a perfect day / I'm glad I spent it with you...“ singe ich vor mich hin. Artur, mein treuer Engel über Wien, hat mich aus den Tiefen meiner deutschen Misere gerettet: der perfekte 1. Mai!

Freitag, 2. Mai 2014

CD TsunamiSurfer HANDELSSTART DEUTSCHLAND & ÖSTERREICH

Meistgeliebte Obertanen!
Ab heute darf ich Euch auch ganz offiziell mein neuestes Werk demütig zu Füßen legen. Mit der Labelpräsentation heute Abend im Theater am Spittelberg in Wien startet die CD "TsunamiSurfer" in Deutschland & Österreich in den Handel.
Einige von Euch haben das Werk ja schon bei den Konzerten der letzten Wochen erstehen können. Das Feedback lässt mich besten Gewissens sagen: holt Euch die Scheibe!
Es grüßt Euch voll Liebe und Zuversicht aus Wien
der in der Tat zur Zeit einen Tsunami surfernde
Prinz Chaos II.



Donnerstag, 1. Mai 2014

Brief aus Wien (13) Gescheiterte Flucht ins 18. Jahrhundert

Vielgeliebte Obertanen!
Keine zwei Stunden nach meiner spontanen Rede bei der Montagsmahnwache, sitze ich in der Königlich-Chaotischen Hofkutsche japanischer Fabrikation. Ich verlasse die Stadt des Feuers, Berlin, Berlin: geboren im Zeichen des Widders, vermaledeiter Moloch, wo ich auf ewig gefangen sein werde in der Zeitschleife meiner berufsrevolutionären Jugend.
Mein Pianist lenkt dankenswerterweise die Gäule. Dieser Mensch ist sehr aufgehoben in der Welt der feinen Töne und der Musiktheorie. Politik langweilt ihn tödlich. Von diesen ominösen Mahnwachen hat er bisher nur gehört, dass sie irgendwie "von Nazis“ organisiert werden... Aha. Und da habe ich gesprochen? Ich danke ihm für seine Contenance: er verlangt nicht, dass ich ihm das jetzt im Einzelnen erkläre... what a friggin' mess!
Durch eine nebelige Nacht gelangen wir ins fränkische Igelsdorf. Dort … igele ich mich ein. Kaum Kommunikation. Nur Runterkommen, Schlaf, Unruhe, Schlaf, Nachdenken, Schlaf. Dass ich zwischendrin mitansehen muss, wie meine Bayern mit 0:4 zuhause gegen Real Madrid aus der Champions League fliegen, rundet meine Stimmung ab. Es folgt „Die Anstalt“. Konstantin brilliert mit einem Meisterstück friedenspolitischer Bewegungsdiplomatie. Mir ist sofort klar, dass es auf allen Seiten haufenweise Leute geben wird, die ihn trotzdem in die eine oder andere Richtung dringend missverstehen wollen werden.
Tags drauf sitze ich eingeklemmt zwischen drei Musiker, zwei Gitarren, ein E-Piano und einen Kontrabass im Auto Richtung Wien. Wieder ein paar Hundert Kilometer herunterreißen. Langsam fühle ich mich wie Talleyrand auf seiner Höllenfahrt quer durch Europa, nach Napoleons Niederlage bei Waterloo. Aber wer ist Napoleon, wer der neue Bourbonen-König und wo, verdammt, bleibt Blücher?
Noch besser: Ich habe vor lauter Politisieren die Unterkunft für meine Musiker in Wien versemmelt. Ich hätte ja bloß rechtzeitig Bescheid sagen müssen, aber jetzt hat Freund Schlagitweit die Wohnung anderweitig vermietet. Ferdinand, mein Kontrabassist und seine sowohl malende als auch atonal komponierende Freundin haben heute noch einen Auftritt in Wien. Nein, nicht in Wien, erfahre ich jetzt: in Tulln, vor Wien.
Immerhin, in Tulln habe ich Verwandtschaft, die ich lange besuchen wollte. Einen sehr, sehr entfernten Zweig unseres Künstlerklans, mit dem wir unnennbare Zeiten keinen Kontakt hatten. Meine Schwester hat diese Tullner Prosels aus dem Internet gefischt. Wir sind im 4. Grad cousiniert, heißt es.
Wir kommen hin und die Malerin stellt fest, dass das Haus ihres Bekannten – er hat ein Programm entwickelt, das elektronische Malerei in Musik umsetzt oder etwas in der Art – direkt neben dem Haus meiner Verwandtschaft liegt. Fängt die Chaosenergie endlich an, sich ein wenig zu ordnen?
„Die müssen mit Dir verwandt sein...“ sagt Ferdinand als wir vor dem Haus der Tullner Prosels stehen. In meiner Familie gibt es eine hartnäckige Tendenz zu Schlössern und alten Kästen aller Art. Und hinter dem Mäuerchen sehen wir jetzt auf ein Anwesen, das einen klösterlichen Eindruck macht.
Im Garten steht ein fantastischer Magnolienbaum, eine rotblättrige japanische Kirsche und ein Baum mit ahornzwickerartigen Fruchthülsen, der eindeutig kein Ahorn ist. Maud und Andi sitzen auf dem Balkon. Direkt hinter dem Haus fliesst die Donau entlang.
„Die müssen wirklich mit Dir verwandt sein...“ sagt Ferdinand erneut. Alte Möbel in einem alten Haus. Tatsächlich war das hier einmal Teil eines Klosters. Im Wohnzimmer sind Stühle und Notenständer aufgebaut. Maud war ihr Leben lang Musiklehrerin, liebt alte Musik und hat ein hochwertiges Blockflötenensemble. Der Sohn ist Bassist, lebt in Wien und spielte neulich mit Udo Lindenberg. Andi, der mir Kaffee eingießt, spielt Klavier und ist ansonsten pensionierter Psychotherapeut: na, dann hat er ja jetzt Zeit, die Familie zu therapieren, sage ich mir erleichtert.
Sascha, die Malerin, kommt vom Haus ihres Bekannten zurück – dem mit dem Audioprogramm für musizierende Maler. Der heisst Seppi – und ist der Neffe von Andi und Maud!
Ich finde mein Vertrauen wieder zur ordnenden Kraft meines königlichen Chaos. Bald darauf bieten Maud und Andi meinen Musikern für diese Nacht ihr Gästezimmer an. Zeitgleich erreicht mich ein Rückruf aus Wien. Dort habe ich nun auch für meinen Pianisten ein Zimmer aufgetan. So hat sich alles hübsch geklärt.
Allein gehe ich zum Bahnhof und fahre nach Wien, denn ich habe noch einen unaufschiebbaren Interviewtermin im Interconti. Der Journalist hat wenige Tage zuvor einen Skandal ausgelöst, weil er Jan Delay zitiert hat, der Heino als alte Nazi bezeichnet hat. Jetzt noch ein Presseskandal um meine Person in Österreich? Na, merci... ich sage nur äußerst unverfängliche Dinge!
Kurz vor 23 Uhr schelle ich im Palais Riedl 1 und begrüße Meister Riedl himself mit den Worten: „Freund Riedl! Auf dem Transportmittel meines eigenen Zahnfleisches reisend, erbitte ich ein Nachtasyl...“ Wir umarmen uns.
In der Küche sitzt Sir Roland und schaut sich die Verfilmung des Musicals „Hair“ an. Ich bin überrascht, wie wenig verstaubt dieses Werk von 1979 filmisch wirkt. Aber bevor diese ganzen hübschen Jungs kahlgeschoren ins Flugzeug steigen, um in Vietnam zu töten und getötet zu werden, verlasse ich fluchtartig die Küche.
Im Wohnzimmer setze ich mich auf den Diwan und breche den Versuch, Freund Riedl meine Situation in Deutschland zu erläutern aber sogleich ab nach den Worten „Stefan, ich bin umkämpft und fühle mich zerrissen, wie das Kind im kaukasischen Kreidekreis...“
Wir hören Radio Stefansdom.
Wir reden über Stefans Dekorationsentwürfe für den bevorstehenden Live Ball.
Wir vergessen den Krieg, umgeben von alten Büchern, gigantischen Kandelabern und den großformatigen homoerotischen Gemälden aus des Meisters eigener Hand. Wir sinken zurück ins 18. Jahrhundert, die Katzen streichen mir ums Bein, Der Riedl bringt mir einen frischen Weißwein … dann ziehe ich mich zurück, um endgültig Ruhe zu finden.

Stattdessen finde ich auf meinem Smartphone Emails und Nachrichten vor, die einer sofortigen, nächtlichen Beantwortung bedürfen. Unruhig mich wälzend liege ich lange wach: meine Flucht ins 18. Jahrhundert ist dieses Mal kläglich gescheitert, so dämmert mir. Draußen höre ich im Morgengrauen eine Blaskapelle. Sie spielt: „Die Arbeiter von Wien“. Es ist der 1. Mai.

Sonntag, 27. April 2014

KEN JEBSEN UND DIE MACHT (Gedicht)

KEN JEBSEN UND DIE MACHT

Die Liebe in Zeiten von Pest und Cholera?
Garcia Marquez ist die Woche gestorben.
Der General in seinem Labyrinth...
Simon Bolivar FM
We will – we will rock you!
80.000 klatschen mit.
Freddie Mercury in Wembley!
Ken Jebsen am Potsdamer Platz!
Im völlig verwaisten Sportpalast
übt Angela Merkel die Raute.
Ich hatte guten Sex in dieser Nacht.
Ficken und ficken lassen
in kreuzverfickten Zeiten.
Die Schwalben sind spät gekommen,
in diesem kriegerischen Jahr.
Die Bäume schlagen aus.
Die Linken schlagen härter.
Lady Ditfurth sitzt am Schreibtisch.
Den eigenen Titel abgelegt, im Dorfkrug zur tapferen Geste,
verteilt sie, jetzt auch digital,
an andere: Titel ihrer Wahl
Ein Shitstorm von rechts.
Ein Shitstorm von links.
Links-rechts-rinks-lechz
Alle Exkremente fliegen tief.
Jürgen Elsässer mit Friedenstaube.
Der Typ vom Ku-Klux-Klan singt
We shall overcome“
und schließt ein Compact-Abo ab.
Plan B“ ist die Abkürzung für
Bundeskanzler Popp“
Und wenn so ein Intellektueller spricht,
ist der Pfaffe von Bellevue auch einer.
Fallschirmspringer
Fallschirmspringer
Grüß mir die Sonne!
Grüß mir den Mond!
Fallschirmspringer
Fallschirmspringer
Unter den Sternen
die keiner bewohnt.
Ich mag Dein Lachen, Fallschirmspringer!
Dein Augenleuchten, Fallschirmspringer!
Und ich?
Wollte ein Sänger mir bleiben.
Müsst Euch wieder zum Redner werden.
Und war einst doch süchtig nach jener Macht,
die dem Massenbeherrscher die Masse verschafft.
Lies diese Zeilen gut, Ken Jebsen!
Denn diese Macht ist stark in Dir
und schwach ist eines Einzelmenschen
bösverwundtes Herz.
Die Masse trägt sich selbst noch kaum,
doch jedem allzu schönen Faun
legt sie als Braut die Macht zu Füßen.
Du wirst sie liegenlassen müssen.
In Deinem eignen, bessern Sinn.
Vor Dir und Dich warnt, desdadrum:
Prinz Chaos aus Elysium.


Sonntag, 23. März 2014

Brief aus Wien (12) Helmut Qualtinger International Airport

Stets geachtete Obertanen!
Im Palais in der Lenaugasse sehe ich mir zusammen mit Meister Riedl, Sir Roland Kollowatsch und den vier Hauskatzen die Talkshow Stöckl an. Ich bin vor der televisionären Lektüre der Aufzeichnung fast nervöser als rund um die Aufnahme selbst.
Zu Anfang der Sendung bin prompt entsetzt: ich schiele ein wenig, finde ich. Dabei habe ich noch niemals geschielt! Eine TV-Sendung scheint mir kein naheliegender Anlass, plötzlich damit zu experimentieren. Immerhin, es sieht nur bei den ersten Einstellungen so aus. Insgesamt passt die Optik.
Meine gefühlte Distanz zum Vizekanzler a.D. Erhard Busek direkt nach der Sendung und die im vorvorangegangenen Wienbrief verewigte Einschätzung, wir würden gar Unterschiedliches meinen, wenn wir Gleiches sagen, erschließt sich mir beim Ansehen der Sendung kaum noch. Was tun? Wenn sich mir das Busek-Mysterium nicht bald erschließt, wird es einmal soweit kommen, dass ich sein Buch lesen müssen werde, um herauszufinden, wie ich den guten Mann nun einzuschätzen habe. Dabei heisst sich der Buchtitel „Unsere Zeit“, das klingt so unangenehm gegenwärtig und ich bin doch in puncto Buchlektüre hemmungslos rückwärtsgewandt.
Etwas ins Gericht gehen muss ich mit mir selbst. Als sich der Talk final der Homoehe zuwendet, reagiere ich womöglich charmant, nur leider inhaltlich nicht präzise genug. Freilich wäre es unsinnig gewesen, auf die Aussage von Lady Tobisch, von wegen „Es geht ja nur um ein Wort und 'Ehe' ist eben zwischen Mann und Frau...“ mit aufgebrachter Schärfe zu reagieren oder gar einen Skandal zu inszenieren. Nur leider kommt es vor lauter Höflichkeit nunmehr fast so heraus, als stünde ich selber nicht zu 100% hinter der Forderung nach gleichen Rechten in der Ehegesetzgebung – was ich natürlich tue. Das sei sicherheitshalber hiermit festgehalten.
Immerhin – SIEG! - befindet meine schärfste Medienkritikerin – die mütterliche! - ich sei sehr sympathisch herübergekommen und das beruhigt mich ungemein, denn meine werte Frau Mutter bekrittelt seit ich meine Visage in die Linse halten kann, ich würde immer viel zu grimmig schauen auf Fotos, in Videos, im Fernsehen und wo auch immer. Sollte mir jetzt noch meine Großmama bescheinigen, nicht genuschelt zu haben … aber das wird nicht geschehen.
Jetzt sitze ich schreibend im Abflugbereich des Wiener Flughafens, der im übrigen stante pede in Helmut Qualtinger International Airport umbenannt wird, sobald ich auf dem Habsburger Thron zu sitzen gekommen sein werde. Der sogenannte „Flughafen Franz Josef Strauß“ zu München wird zu diesem Zeitpunkt – auch der Wittelsbacher Thron harrt meiner! - bereits Kurt Eisner Flughafen heißen. Ich werde anschließend Eisners alten Traum einer Alpenrepublik aus Bayern, Österreich und der Schweiz verwirklichen. Südtirol und Oberitalien nehmen wir auch noch dazu, und damit die übrigen Italiener das nicht gleich wieder als feindseligen Akt einstufen, werden wir die Stadtstaaten Genua und Venedig wieder aufleben lassen und in ein fein austariertes Bündnissystem mit Byzanz … das wird alles fabelhaft werden, man wird die umwerfendsten Fantasieuniformen tragen und der feierlich aufgeschwungene Zustand, der bei sowas zwingend herauskommt, wird wiederum dem allzu lange vernachlässigten Reliquienhandel Auftrieb geben.
So denkt es in mir, im Wartebereich des Helmut Qualtinger International Airport. Ich war nämlich vor dem Abflug noch ein wenig im I. Bezirk unterwegs und habe mir unter anderem den Domschatz im Stefansdom angesehen. Im Grunde nicht der Rede wert, bis eben auf die Reliquiensammlung. Da sind einige sensationelle Fingerglieder, ein grandioser Oberschenkelknochen und, wie immer: Schlüsselbeine über Schlüsselbeine versammelt. Doch, doch: der Katholizismus! - sage ich mir und stelle im Geiste die Reliquiensammlung meiner Träume zusammen: die in Öl gelegten Stimmbänder des heiligen Freddie Mercury! Die Restnase des seligen Michael Jackson! Die einbalsamierte Schreibhand von Papst Karl Kraus dem Unbestechlichen, und ein unglaublich großer, geradezu elefantöser Hüftknochen des Märtyrers Egon Friedell. Dazu ein Zahnstummel von König Ludwig II. von Bayern, das Wadenbein des derzeit noch lebenden und ohnehin unsterblichen Klaus Augenthaler, das rote Herz des Franz Josef Degenhardt usw. usf.
Zum Beten kann man touristische Prunkhütten wie den Stefansdom natürlich komplett vergessen, doch das anschließende, planlose Flanieren durch Wien lässt endlich auch die Stille in ihre Rechte treten, als ich die Dominikanerkirche aus dem 17. Jahrhundert an der Predigergasse entdecke.
Dort sitze ich in der Kirchenbank, falte die Hände, schließe die Augen, atme bewusst und sinke ein in die inspirierte Lärmlosigkeit dieser heiligen Hallen. Ich danke dem Weltgeist für die Gnaden, die mir zu Wien fortgesetzt widerfahren, die himmlische Kraft strömt durch Schläfen und Ohrkanäle hinein in mein von Denken und Plappern überhitztes Köpfchen, mit einem Mal tut es einen Schlag, ein gleißendes Licht hüllt mich ein – und ich stehe plötzlich mit der Boardingkarte in der Hand in der Schlage vor Gate 36 des HQI, wie die Fluglotsen den Helmut Qualtinger International in einer besseren Zukunft bekürzelt haben. Das Flugzeug hebt kurz darauf ab und mit ihm: ich.

Prinz Chaos II.

22. März 2014